Humanoide Roboter erreichen die Fabrikhalle bei Siemens
Humanoide Roboter kommen in der industriellen Praxis an. Im Elektronikwerk von Siemens in Erlangen ist der HMND 01 Alpha des britischen Unternehmens Humanoid erfolgreich in einem realen Produktionsumfeld getestet worden. Der radgetriebenen humanoiden Roboter übernahm dabei autonome Logistikaufgaben, er griff Behälter, transportierte sie und platzierte sie für menschliche Mitarbeitende. Der Roboter basiert auf dem Physical-AI-Stack von NVIDIA und ist Teil der strategischen Partnerschaft von Siemens und NVIDIA zur Entwicklung KI-gesteuerter, adaptiver Fabriken. Nach Angaben von Siemens erreichte der HMND 01 Alpha im Test eine Leistung von rund 60 Behälterbewegungen pro Stunde. Er war mehr als acht Stunden einsetzbar und erzielte bei den autonomen Pick-and-Place-Aufgaben eine Erfolgsquote von mehr als 90 Prozent. Damit zeigt der Versuch, dass humanoide Systeme auch außerhalb kontrollierter Demonstrationsumgebungen zunehmend komplexe Aufgaben in realen Fabriken übernehmen können.
Der Pilotversuch steht für einen größeren Wandel in der industriellen Automatisierung. Unter dem Begriff Physical AI werden Systeme zusammengefasst, die ihre physische Umgebung wahrnehmen, daraus Schlussfolgerungen ziehen und entsprechend handeln können. Humanoide Roboter sollen dabei nicht nur einzelne, fest programmierte Bewegungen ausführen, sondern sich flexibler auf unterschiedliche Situationen und Arbeitsabläufe einstellen. Auch in der deutschen Industrie wächst das Interesse an solchen Technologien. Einer aktuellen Bitkom-Erhebung zufolge wollen 27 Prozent der Industrieunternehmen in Deutschland 2026 mehr in Industrie-4.0-Technologien investieren als im Vorjahr. Weitere 50 Prozent wollen ihr bisheriges Investitionsniveau beibehalten. Bitkom sieht humanoide Roboter und Physical AI dabei als Teil einer neuen Entwicklungsstufe der industriellen Digitalisierung.
Für Unternehmen gewinnt die Technologie auch wegen des Fachkräftemangels an Bedeutung. Laut Bitkom sind 58 Prozent der deutschen Industrieunternehmen der Auffassung, dass humanoide Roboter dazu beitragen können, dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Gleichzeitig sehen 68 Prozent Potenzial, mit humanoiden Robotern Arbeitsunfälle zu reduzieren. Die Systeme könnten damit insbesondere dort interessant werden, wo Personal fehlt oder körperlich belastende, gefährliche beziehungsweise repetitive Tätigkeiten anfallen.
Von einer flächendeckenden Ablösung klassischer Industrieroboter ist die Entwicklung allerdings noch weit entfernt. Spezialisierte Roboter sind bei standardisierten, hochvolumigen und präzisionskritischen Produktionsschritten weiterhin eine etablierte Lösung. Humanoide Systeme spielen ihre Stärken zunächst vor allem dort aus, wo sich Abläufe häufiger verändern und Maschinen in bereits für Menschen ausgelegten Arbeitsumgebungen eingesetzt werden sollen. Wie groß die Erwartungen an Physical AI sind, zeigt jedoch auch die Entwicklung der Robotikbranche. Das deutsche Unternehmen NEURA Robotics kündigte im Juni 2026 eine Series-C-Finanzierung von bis zu 1,4 Milliarden US-Dollar an. Nach Angaben des Unternehmens soll das Kapital unter anderem dazu dienen, die Produktion kognitiver und humanoider Roboter hochzuskalieren und die Physical-AI-Plattform des Unternehmens weiterzuentwickeln.
Der Einsatz des HMND 01 Alpha in Erlangen ist deshalb weniger als unmittelbarer Start einer flächendeckenden Roboterisierung zu verstehen. Er ist vielmehr ein Praxistest für eine neue Form der Automatisierung. Entscheidend wird sein, ob humanoide Roboter ihre technische Flexibilität dauerhaft mit Zuverlässigkeit, Sicherheit und einem wirtschaftlich überzeugenden Nutzen verbinden können. Der Siemens-Pilot liefert dafür einen ersten wichtigen Praxistest.
Quellen: Siemens · Bitkom · NEURA Robotics